Stadtgeschichte

Landschaftliche und architektonische Besonderheiten der Residenz hessischer Landgrafen und Kurfürsten hatten schon seit der Mitte des 16. Jahrhunderts namhafte Künstler zu Kassel-Bildern angeregt. Was die in einem weiten Talbecken liegende, von der Fulda durchflossene Stadt bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg außer natur bedingt Sehenswertem zu bieten vermochte, verdankt sie vorwiegend der Baufreude und dem Kunstsinn ihrer Landesherrn.

Über die Herkunft des Namens, die Lage und den Gründer des historischen Ortskerns gibt es keine zweifelsfreien Fakten. Lokalhistoriker stützen vorherrschend die These, Kassel sei bei einem befestigten fränkischen Königshof (castellum) in der Nähe von Fuldafurten entstanden. Dafür zeugen wahrscheinlich zwei Urkunden, die König Konrad I. im Jahre 913 in "Chassella" oder "Casalla" vollzog. Einige Forscher bezweifeln dies und leiten den Namen von Wasser- oder Flurbezeichnungen her. Als erwiesen gilt hingegen, dass Kaiser Heinrich II. die " curtis cassella" 1008 seiner Gemahlin Kunigunde schenkte.

1189 besaß Kassel Stadtrechte; 1277 ließ ein Enkel der heiligen Elisabeth, Heinrich I. , als erster " Landgraf zu Hessen" auf dem Rotenstein über dem linken Steilufer der Fulda eine "neue Burg" bauen, die er fortan als Residenz bewohnte. Damals wuchs am anderen Flußufer die Unterneustadt, vor 1330 nach Westen hin vor dem alten Wehrbering - mit der gotischen St. Martinskirche als Mittelpunkt- das Stadtviertel " Freiheit". Durch den Bau der ersten Fuldabrücke und drei Jahrmärkte konnte Kassel ein mittlerer Handelsplatz werden. Landgraf Phillipps des Gr0ßmütigen Bedeutung als führender Fürst des Protestantismus erhob die Stadt im 16. Jahrhundert zeitweilig sogar zum politischen Zentrum Westdeutschlands. Landgraf Wilhelm IV., ein befähigter Astronom, Mathematiker, Ökonom und Botaniker, sicherte ihr den Ruf einer " Pflegestätte der Wissenschaften". Bis etwa 1620 galt sie als " Dorado des Geistes und der Musen"; Landgraf Moritz ließ 1604/05 Deutschlands erstes Theatergebäude errichten, das " Ottoneum" Im dreißigjährigen Krieg blieb Kassel uneinnehmbare Festung. Deshalb gab es - trotz sinnlos zerstörender Veränderungen und Abbrüche - bis zum Oktober 1943 noch eine geschlossen wirkende Altstadt, die Kunsthistoriker als " Freilichtmuseum der Fachwerkbaukunst" rühmten.

Am nachhaltigsten veränderte Landgraf Karl das Stadtbild: Seit 1685 aufgenommene Hugenotten bauten vor den südlichen Wällen die barocke Oberneustadt. Sumpfige Fuldawiesen ließ er kultivieren zu dem heute noch bewunderten Park " Karlsaue" mit dem Orangerieschloß und dem Marmorbad. Oberhalb des ehemaligen Klosters Weissenstein entstanden das Riesenschloss mit der Figur des farnesischen Herkules und die ersten Wasserkünste des Bergparks Willhelmshöhe. Groß, wie die Baulust, war Karls Interesse für naturwissenschaftlich-technische Probleme: Von ihm gefördert, konnte Denis Papin vor dem "Ottoneum" erste Versuche mit der Dampfkraft vorführen.

Nach dem Siebenjährigen Krieg gestaltete schließlich Landgraf Friedrich  II. das architektonische Gesicht der Residenz noch einmal entscheidend um: die veralteten Festungsbastionen wurden abgeräumt, der Architekt S. L. du Ry schuf an deren Stelle als Verbindung der alten zu neuen Stadtvierteln und zur Karlsaue den rechteckigen Friedrichsplatz und den kreisrunden Königsplatz. Mit der Einbeziehung des Aueparks in den Gesamtplan holte er die befreiende Weite der Mittelgebirgslandschaft bis ins Zentrum. Du Ry entwarf eine Reihe schwungvoll gegliederter Palais, das Museum Fridericianum, die St Elisabeth Kirche, Mess- und Posthaus, Markthallen u. v. a. Dank der großzügigen Veränderungen galt Kassel um 1780 als eine der schönsten Residenzen Europas, über die viele reisende begeistert schrieben und von der immer mehr bedeutende Künstler malerische Gesamt- und Detailansichten schufen. Landgraf Wilhelm IX., seit 1803 Kurfürst Wilhelm I., lebte seine Bauleidenschaft vorrangig im später nach ihm benannten Bergpark des Urgroßvaters Karl aus. Was die letzten beiden Kurfürsten in Kassel an Bauwerken hinterließen, ist untergegangen.

Als 1866 Preußen das Kurfürstentum Hessen annektierte, wurde Kassel Hauptstadt der Provinz Hessen-Nassau, später sogar Sommerresidenz des Königs- und Kaiserhauses. Ab 1870 entfaltete sich die vom letzten Kurfürsten ferngehaltene Industrie. dieser gewerbliche Aufschwung förderte das schnellere Wachstum; es entstanden neue, weniger mit Kunstempfinden als nach Zweckerfordernissen angelegte Bezirke in zeitüblich elektrischem Stilgewirr.

Um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert überschreitet die Einwohnerzahl der Stadt die 100.000-Grenze, Kassel ist Großstadt.

1933 wird Kassel "Gauhauptstadt" des Dritten Reichs.

Am 22. Oktober 1943 wird die Kasseler Innenstadt durch einen Luftangriff nahezu komplett zerstört. Etwa 10.000 Menschen kommen in den Flammen und Trümmern um. Am Ende des 2. Weltkriegs fällt die Stadt zusammen mit der ganzen Provinz Hessen-Nassau unter amerikanische Besatzungsmacht. Diese bilden das neue Land Hessen. Kassel bleibt Sitz des Regierungsbezirks und des Landkreises Kassel und wird auch weiterhin als kreisfreie Stadt innerhalb des neuen Landes geführt.

1949 bewirbt sich Kassel, neben Bonn, Frankfurt und Stuttgart, um den Sitz des Bundestages. Am 29. November 1949 wird jedoch Bonn mit 200 gegen 176 Stimmen vom Bundestag zur provisorischen Bundeshauptstadt gewählt.

Als "Entschädigung" wird Kassel 1954 Sitz sowohl des Bundesarbeitsgerichts wie des Bundessozialgerichts. 1999, im Zuge der deutschen Wiedervereinigung, wird das Bundesarbeitsgericht nach Erfurt verlegt.

Am 21. Mai 1970 treffen sich, als Gegenbesuch zum Treffen am 19. März in Erfurt, Bundeskanzler Willy Brandt und der stellvertretende Vorsitzende des Staatsrats Willi Stoph in Kassel. Dies sind die ersten deutsch-deutschen Treffen auf Regierungsebene. Die von Willi Brandt in Kassel, als Vorentwurf für ein zu schließendes Abkommen, vorgelegten 20 Punkte bildeten den Rahmen für den am 21. Dezember 1972 unterzeichneten Grundlagenvertrag.
 

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